Wenn man aus dem Fahrzeug steigt, sieht man ihn zum ersten Mal. An jede Tür gedruckt, dreidimensional, klein oder riesengroß an Häuserwänden ist der rote Drachen – das Wappentier von Wales – allgegenwärtig. Zum satten Grün der Wiesen ist das knallige Rot ein schöner Kontrast. Auch sonst habe ich Cardiff als Stadt der Kontraste erlebt – Kunst und Kommerz, alte Burgen und neue Museen. Und ein Pétanque-Platz beim Cardiff Yacht Club direkt am Wasser. Samstag vormittags um 11 Uhr bringt uns ein Minibus zum Terrain. Sechs Präsidentinnen und Präsidenten der teilnehmenden Nationen und Andrew Lloyd mit Gattin Diana, „der Neue“ beim NSC. Vor der großen Brücke über den Mündungsarm des River Taff schaue ich nach links und, sehe ein Gebäude, an dem der Name Cardiff Yacht Club angebracht ist.

Davor ein Gelände, das man zum Pétanque spielen benutzen könnte. Aber der Bus fährt weiter. Nach einem Kilometer und vielen Kreisverkehren, Abzweigungen und der Megabaustelle stehen wir vor einer Schranke. Der Fahrer sagt, dass wir zum Yacht Club müssen und wir passieren. Nach 200 Metern stehen wir vor einem verschlossenen Tor. Der Fahrer drückt die Taste der Gegensprechanlage und wir werden gefragt, wohin wir wollen. Auf das Stichwort Nordseecup öffnet sich das Tor wie von Geisterhand und wir werden vor dem Clubhaus ausgeladen. Der Fahrer hat die Order, uns um 13.30 Uhr wieder abzuholen.

Wir steigen aus, ein böiger und sehr kalter Wind lässt uns vergessen, dass die Sonne scheint. Wir machen uns auf die Suche nach John Roberts, unserem englischen Gastgeber. Überall um uns herum werden Boote gestrichen und repariert – ein Platz zum Spielen wäre nur gegeben, wenn all diese Boote im Wasser wären. Bis Juni ist ja noch Zeit – denken wir uns. Wir genießen den Blick und warten. Wir frieren und betrachten das Stadtpanorama – und warten. Nach fast einer Stunde wird uns das Warten zu viel. Ich erinnere mich an das, was ich auf der Hinfahrt gesehen habe. Wir versuchen John per Handy zu erreichen, aber wie meist in diesen Fällen erreichen wir nur die Mailbox. Ein netter Yachter gibt uns die Nummer eines Taxis und wir fahren vom Cardiff Bay Yachtclub zum Cardiff Yacht Club.

Tatsächlich sind wir es, die schon vermisst werden!

Unser erster Weg führt uns zu dem Platz, auf dem der 26. NSC stattfinden wird. Ein Parkplatz mit allem was dazugehört – anspruchsvoll mit Buckeln und Löchern, abgedeckt mit feinem bis mittlerem Split und, stellenweise, mit etwas gröberem Material. Außerdem ist der Platz leicht schräg, also ideal für gute Techniker.

Das Mittagessen findet ebenfalls im Yacht Club statt – ein „Testessen“ für Juni: Mein erster Nordseecup als Coach war vor acht Jahren ebenfalls in Großbritannien. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Jungs damals ihre Probleme mit diesem ‚Lunch‘ hatten. Vielleicht erinnert sich Sascha noch daran…

Das Frühjahrs-Meeting selbst ist im ‚Moat-House‘ – dem Hotel, in dem im Juni alle Teams untergebracht sein werden. 14 Tagesordnungspunkte gilt es abzuarbeiten.

John berichtet über die Details der Veranstaltung; von der Eröffnungszeremonie bis zum Schlussbankett. Details wie Zubringerdienste – der Platz liegt wieder mal 20 Minuten entfernt vom Hotel – Spielplan, Möglichkeiten für Spieler und Betreuer.

Beim Bericht der Präsidenten gibt es wie immer einiges Interessantes zu erfahren:

Als Erstes erzählt der britische Vize John Roberts über die neuen Verbandsstrukturen ‚auf der Insel‘. Unter dem Dach der BPA – British Pétanque Association –, die auch weiterhin Mitglied im FIPJP und CEP ist, gibt es jetzt drei separate Verbände in England, Schottland und Wales. Ziel dieser Umstrukturierung war es, näher an den regionalen Clubs und Spielern zu sein um so gezielter neue Mitglieder werben zu können.

Hendrik Wolfshagen aus Dänemark berichtet, dass seine größte Anstrengung derzeit darin besteht, die rund 10.000 Boulespieler, die in Vereinen, aber nicht im Verband organisiert sind, als Mitglieder zu gewinnen. Bei unserer BDV (Bundesdelegiertenversammlung) habe ich das gleiche Thema angeschnitten – hier gibt es also überall noch viel zu tun!

Ich beginne mit dem großen Anliegen an das Komitee, endlich eine Senkung der Kosten für den NSC herbeizuführen. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Kosten mehr als verdoppelt.

Im Prinzip sind sich Alle einig. Der Teufel steckt aber – wie so oft – im Detail:

Wenn alle Teams in einem Hotel untergebracht werden sollen, gibt es eben oft nur Häuser in einem gehobenen Preisniveau. Ein neuer Weg wäre es für mich, die Zusammenarbeit mit Sportschulen und anderen Institutionen zu suchen.

Es gibt diverse Lösungsvorschläge, um die Kosten des NSC zu senken. Eventuell sollte der NSC um 1 Tag verschoben und der Sonntag noch als Spieltag eingesetzt werden, weil die meisten Hotels an Wochenenden Sonderpreise anbieten. Eine weitere Idee für nächstes Jahr ist eine gemeinsame Anreise von Belgiern, Holländern und Deutschen nach Norwegen zur Senkung der Flugkosten.

Großes Interesse herrscht vor allem von Seiten Dänemarks und Hollands an unseren Konzepten für die Zukunft. Obwohl nicht in der Tagesordnung vorgesehen, muss ich darüber berichten. Im Gegenzug erhalte ich viele Informationen über die Lizenzierungspraktiken der Anderen, deren Etats und weitere Interna.

Lock van Tiggelen, der holländische Präsident, hat in seinem Verband A+B Lizenzen und darüber hinaus Mitglieder ohne Lizenz. Auch diese sind besonders wichtig; weil auch in Holland die Zuschüsse nach Mitgliedern und nicht nach Lizenzen abgerechnet werden. Aber auch in Holland gibt es nur Zuschüsse, wenn das Sportgeschehen des Verbandes den vorgegebenen Richtlinien entspricht. Dazu war es notwendig, viele Strukturen zu ändern und andere neu zu erschaffen, u.a. hat Holland jetzt ein 5-stufiges Trainersystem, das beim Assistenztrainer im Verein beginnt und beim Nationaltrainer endet. Noch eine Besonderheit gibt es in Holland in Bezug auf den NSC: der holländische Triplette-Meister erhält als Siegprämie die Teilnahme am nächsten NSC!

Loek van Tiggelen (Holland) hat die identischen Probleme wie man sie in Dänemark und bei uns kennt: Zu viele Boulespieler sind nicht am Verband interessiert. Im Gegensatz zu uns erhalten die beiden anderen nationalen Verbände aber erhebliche Zuschüsse von den Sportministerien, und da zählt jedes Mitglied, egal ob mit oder ohne Lizenz. Deshalb glaube auch ich, dass der Weg, den wir auf der letzten BDV eingeschlagen haben (Verbandsmitglieder mit und ohne Lizenz) zukunftsweisend sein wird! Auch das Thema von unterschiedlichen Lizenzen sollte wegen den erfolgreichen Erfahrungen, die die jeweiligen NSC-Teilnehmerländer mit diesen Lizenzsystemen gemacht haben noch einmal beleuchtet und diskutiert werden.

Alles in allem war dieser Tagesordnungspunkt eine wahre Fundgrube für gute Ideen, von denen Einige auch bei uns in Deutschland Gesprächsstoff werden müssen.

Belgiens langjähriger Präsident Roger Petermanns ist ausgeschieden. Er hat zwei Nachfolge-Präsidenten:

Den Flamen Reinold Borrée für den Bereich Sport und den Wallonen Michel Breuskin für den Bereich Administration. Auch Belgien hat 3 verschiedene Lizenzen: Für den Spitzensport, für die Liga und für den Breitensport.

Auch in Belgien sind nach einer Umfrage nur 20% aller Boulespieler Mitglied im Verband. Deshalb hat der Verband eine große Aktion gestartet und alle Gemeinden angeschrieben mit der Bitte, die Adressen unregistrierter Boulevereine zu erhalten. So konnten allein im flämischen Landesteil schon über 1.000 neue Mitglieder gewonnen werden!>

Simikka Pisilä aus Schweden berichtete über das neue Computer gestützte Lizenzsystem in Schweden. Nur noch die Spieler für internationale Einsätze erhalten dort eine „physisch greifbare“ Lizenz aus Papier, alle Anderen sind gespeichert in einer Lizenz-Datenbank. Die Mitgliedsbeiträge liegen in Schweden bei 20,– Euro für Erwachsene und bei 5,– Euro für die Jugend. 50% aller Startgelder erhält der Verband, diese Gelder werden vor allem zur Abmilderung der hohen Reisekosten im drittgrößten Land Europas (nach der Ukraine und Frankreich) verwendet. Der Verband erhält jede Menge Zuschüsse vom Staat – aber: Nur für Jugendarbeit. Die wird aber auch zu gut 100% vom Staat subventioniert.

Ein weiteres schwedisch-skandinavisches Thema sind immer wieder die Veteranen. Der schwedische Verband hat deswegen jetzt sogar 2 Meisterschaften, für 55 – 65 jährige und für Senioren über 65.

Grete Johansen aus Norwegen berichtet als Nächste über die Vorbereitungen für 2006, wenn der NSC in Frederikshavn stattfinden wird.

In allen Nationen muss mit Dopingkontrollen gerechnet werden, außer Deutschland und Großbritannien hatten alle Teilnehmerländer schon solche Kontrollen. Bei der EM Frauen in Dänemark (Odense) wird ebenfalls eine Dopingkontrolle stattfinden. Spielerinnen, die Medikamente, die auf der Verbotsliste stehen, einnehmen müssen, müssen daher ein ärztliches Attest vorlegen. Ein Alkoholwert von 0,1 Promille gilt ebenfalls schon als Doping und kann eine Sperre von 3 – 6 Monaten nach sich ziehen.

Thema Internet: Auch der NSC soll im Web zukünftig präsent werden. Mike, Pegg, Hendrik Wolfshagen und ich werden uns darum kümmern.

Reinold, Lock und ich berichten anschließend über die Arbeit im europäischen Verband. Seit der neue Präsident Claude Azema im Amt ist, ist ein deutlich verbessertes Klima zu den Komitees der Kontinente zu spüren. Claude Azema war auch bei der Sitzung des CEP in Luxemburg anwesend und war den europäischen Ideen sehr aufgeschlossen. Neben französisch wird in Zukunft bei der FIPJP englisch als zweite Sprache eingeführt!

Verbindungsmann zwischen CEP und FIPJP ist Claude Keberle, Schweiz. Auch Jean Amiot, Verbandsmitglied im FIPJP, hatte ein paar Neuigkeiten parat: Ein Thema das derzeit die Gemüter bewegt, ist der Wechsel bei Spielern von einer Nation zu einer anderen. Die bisherige Regelung ist nicht mit den Richtlinien der Europäischen Union konform und muss deshalb geändert werden.

Eine weitere neue Idee ist die Einführung einer eigenen EM/WM für die Espoirs, die Junioren von 18 – 25 Jahren. Man hat erkannt, dass der Bruch von Junior zu Senior so schwierig ist, dass Viele den Sprung nicht richtig schaffen und so manch guter Spieler schließlich dem Sport verloren geht.

Auch die Beitragsstruktur in der FIPJP wird sich ändern. Der Betrag ist abhängig von den Mitgliedern (bis 1.000 – bis 2.000 – bis 10.000 – über 10.000) und der Betrag wird dem jeweiligen Lebensstandard des Landes angepasst.

Sichtlich abgekämpft von der Mammutsitzung gab es zu diesem Punkt keine Wortmeldungen mehr – lediglich das gemeinsame Foto konnte ich zum Abschluss noch machen. Der Termin der nächsten Sitzung wurde auf Freitag, den 24. Juni in Cardiff festgelegt.

Zum Abschluss des ‚Springmeeting‘ spendierte der englische Verband noch am Abend ein Menü im Moat Hotel. Eine weitere nette Geste war auch die Übernahme der gesamten Übernachtungskosten für Alle durch den britischen Verband.

Nützliche Pétanque-Links für Cardiff:

http://www.welshpetanque.co.uk/

http://www.britishpetanque.org/

Termin des 26. Internationalen Nordsee-Cups (INSPT): 22. bis 25.06.2005 in Cardiff (GB)