Vorbereitung der Jugend für die EM in Ghent, Belgien

Haben wir alles gemacht, was gemacht werden muss?

Einen Tag nach dem abschließenden Vorbreitungslehrgang am vergangenen Wochenende in Duisburg/Düsseldorf breitet sich ein Gefühl aus, das ich auch von der Schulzeit, kurz vor einer schweren Schularbeit, noch zu gut kenne: Habe ich mich ausreichend für die kommende Aufgabe vorbereitet, oder hätte ich noch mehr machen müssen?!

Bereits seit Beginn der Selektion im November des letzten Jahres, an dem die Sichtung von insgesamt 16 Spielern und Spielerinnen stattfand, laufen die Vorbreitungen für die kommende EM.


Sichtungslehrgang im November 2011

Diese Sichtung dient allerdings noch nicht vordergründig der Findung und Zusammenstellung eines Teams für eine EM oder WM. Um auch künftig international mit der Spitze im Pétanque-Leistungssport mithalten zu können, ist es für die Deutsche Pétanque Jugend (dpj) innerhalb des DPV wichtig, die Förderung und Ausbildung junger und aussichtsreicher Talente bereits sehr früh zu beginnen.

Sinn der November-Sichtung ist, eine Langzeitsichtung für die nächsten Jahre und auch einen Eindruck über das derzeitige Leistungspotential der kommenden Generationen zu erhalten.

Ab hier läuft die Arbeit der dpj zweigleisig über das ganze restliche Jahr: Auf der einen Seite bleiben aussichtsreiche Spieler/innen durchgehend unter Beobachtung (Sichtung bei Turnieren, permanenter Austausch mit den zuständigen Trainern/Jugendwarten, weitere Sichtungen und Prüfungen bei Lehrgängen, …), um die Form- und Persönlichkeitsentwicklung verfolgen und einschätzen zu können, auf der anderen Seite beginnt die eigentliche Vorbreitungszeit auf das kommende Großevent des Jahres: EM- oder WM-Jugend.

In Bezug auf das diesjährige Großereignis, die EM-Jugend in Ghent (B), habe ich nach dem Selektionskonzept der dpj kontinuierlich über 5 Lehrgänge, in denen sowohl mit praktischem als auch theoretischem Technik-, Taktik- und auch Mentaltraining gearbeitet wurde, das aussichtsreichste Team zusammengestellt. Auch die Teilnahme an verschiedenen Turnieren (NRW-Meisterschaft in Aachen oder auch das internationale Turnier in Kayl (Luxemburg)) konnte im Laufe des gesamten Jahres dazu beitragen, dass sich die Entscheidung für die nominierten Spieler verfestigt und gerechtfertigt hat.

Nach der öffentlichen Bekanntgabe der Nominierung haben wir als „Generalprobe“ das international hervorragend besetzte Jugendturnier vom 28.-30.09.12 im spanischen Alicante (u.a. mit Spanien, Schweiz, Holland, Belgien 2, Frankreich, England, Dänemark, Luxemburg) gespielt.


Das Abschneiden bei diesem Turnier war für mich persönlich nur in zweiter Linie ausschlaggebend: Es war für uns ein Vorbereitungsturnier und unter dieser Prämisse war es für mich sehr aufschlussreich: Es waren schon noch einige Baustellen, die wir gemeinsam aufgreifen und abarbeiten mussten.

Begonnen wurde das Turnier aufgrund der extrem schlechten Wetterverhältnisse entgegen der Ausschreibung erst am Samstag mit dem Concours de Tir de Précision, den Niklas Flocken zu absolvieren hatte. Geschossen wurde parallel auf 4 Bahnen – mit ungewohnt lauter Musikbeschallung, die wohl irgendwann nach mehrfachen Protesten reduziert wurde, aber für Niklas augenscheinlich doch zu viel Ablenkung hervorgerufen hatte, so dass er nicht annähernd seine von ihm selbst erwartete Schussleistung abrufen konnte und bereits in der Vorrunde ausscheiden musste.

Im eigentlichen Turnier wurden als Vorrunde 5 Runden Schweizer System gespielt. Wir hatten uns im Team darauf geeinigt, dass wir als Testmaßnahme bei jedem Spiel in einer anderen Besetzung antreten, damit sowohl bei jedem Spiel jeder einzelne Spieler einmal den kompletten Spielverlauf von der „Ersatzbank“ verfolgt und auch innerhalb des spielenden Teams die Positionen immer wieder neu besetzt wurden.


Ebenfalls einig waren wir uns darüber, dass auch während der ersten 4 Spiele keine Einwechslung erfolgen würde. So spielten wir die Vorrundenspiele gegen Spanien, Luxemburg, Niederlande, Korsika und nochmals Spanien, wobei lediglich die Spiele gegen Holland (knapp durch Zeitspiel) und Korsika (recht deutlich) verloren gingen.

Kurz vor 20 Uhr wurde dann noch überraschend bekannt gegeben, dass auch noch an diesem Tag das Achtelfinale gespielt werden müsse. Keines der Vorrundenspiele konnte von uns so souverän absolviert werden (wie wir es hätten bestreiten müssen oder auch können), damit wir vielleicht für dieses Achtelfinalspiel hätten Energie-Reserven aufsparen können. So mussten wir uns mit einem absolut enttäuschenden Ergebnis von 9:10 gegen die Schweiz nach recht deutlicher Führung während des ganzen Spiels vom Turnier verabschieden.

Aber wie bereits erwähnt: Es war für uns ein Vorbereitungsturnier. Auch wenn wir nun durch unser Ausscheiden für den Sonntag spielfrei waren, nutzten wir die verbleibende Zeit nicht nur, um die laufenden Finalspiele und die daran beteiligten Teams zu beobachten (wobei ab dem Halbfinale sämtliche Nationalteams  aus dem Rennen und nahezu durchgängig lediglich Regionalverbände aus Spanien im Rennen waren – also auch die anderen Nationen sind noch am Testen!), sondern wir absolvierten auch einige Trainingssequenzen, bei denen wir den Hauptaugenmerk auf Technikverbesserungen legten.


Da wir erst für Montagmittag den Rückflug gebucht hatten, nutzten wir auch noch zusätzlich den Morgen, um gemeinsam mit dem Nationalteam aus Luxemburg eine Trainingseinheit zu absolvieren.


Das Resümee des Vorbereitungs-Turniers in Alicante: Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es gibt noch Einiges zu tun. Was mich persönlich sehr positiv gestimmt und auch etwas über das frühe Ausscheiden hinweggetröstet hat, war, dass die Jungs über die ganzen Tage hinweg absolut vorbildlich aufgetreten sind und sich durchgehend als wirklich gleichberechtigt, funktionierendes Team gezeigt haben.

Auf dem Garagendach, ein ungewöhnliches Spielfeld

Auch ein Bundestrainer muss mal neue Wege gehen, auch wenn dieser noch nicht geglättet ist.


Um Flugkosten zu sparen, wurde diese Reisemöglichkeit geprobt.

Der letzte gemeinsame Schritt auf dem Weg zur diesjährigen EM stand beim Vorbereitungslehrgang vom 19.-21.10.12 in Duisburg/Düsseldorf an.

Die bereits nominierten Spieler Niklas Flocken (NRW), Moritz Leibelt (NRW), Simon Striegel (BaWü), Vincent Probst (Bayern) wurden für den Lehrgang mit den Nachrückern Luis Maecker (Hessen) und Jannik Weis (RLP) komplettiert und bestens unterstützt.

Mit den Erkenntnissen aus den vergangenen Lehrgängen und den aktuellen Eindrücken des Turniers in Alicante, hatten wir noch einige Defizite und Holpersteine anzugehen und aus dem Weg zu räumen.

Eigentlich ist dieser Vorbereitungslehrgang die letzte Möglichkeit, in Richtung „Teamfindung“ notwendige Maßnahmen zu ergreifen. Eines der Erkenntnisse aus den letzten Events ist, dass sich das Team bereits gefunden hat und eigentlich keine Baustelle darstellt.

Gemeinsames Kochen als Teamfindungsprozess

Zur Bereicherung für diesen abschließenden Lehrgang konnten wir in diesem Jahr die Mentaltrainerin Martina Feistel (-LTMF-; LernTraining & Mentale Fitness; www.ltmf.de) als Unterstützung gewinnen.


Einleitend am Freitagabend wies ich die Spieler darauf hin, Martina Feistel nicht als Mary Poppins zu sehen, die einmal kurz einen Satz anbringt, der sie dann wie mit Zauberhand zu anderen Menschen oder gar besseren Spielern macht. Sowohl ein/e Mentaltrainer/in als auch ich haben lediglich die Möglichkeit, Handwerkszeug mit auf den Weg zu geben – damit arbeiten muss in erster Linie jeder selbst!


Bereits im Vorfeld waren Martina Feistel und ich in permanentem Kontakt, so dass sie sowohl über die Ereignisse oder Erkenntnisse aus Lehrgängen und Turnieren, als auch über die Charaktereinschätzungen der einzelnen Spieler bestens vertraut war und sich dadurch schon ein Bild machen konnte.


Überraschend schnell konnte Martina Feistel das Eis und die zunächst herrschende Zurückhaltung brechen, so dass tatsächlich sämtliche zielgerichtete Aufgaben (Konzentrationsübungen, Teamfindung) mit viel Spaß und Motivation angenommen wurden.


Am Samstag wurde ich von den Spielern wieder aufs Neue überrascht, als (fast) Punkt 7 Uhr allesamt zum morgendlichen Joggen vor dem Frühstück auf der Matte standen. Für mich deutlich zu sehen, dass auch sie sich durchaus darüber bewusst sind, dass zu einem wirklich guten Spieler, der mit Vorbildfunktion für Deutschland auf einem Turnier spielen will, nicht nur technische Perfektion, sondern auch körperliche Grundfitness gehört.   

Dementsprechend (auch im Kopf) fit wurden von Allen in der Boulehalle Düsseldorf die anstehenden Technikübungen und auch der Schusswettbewerb angegangen. Auch hier konnten sowohl Martina Feistel und ich noch zusätzliche Eindrücke aufnehmen, die wir dann gemeinsam mit den Spielern in Einzelgesprächen auswerteten. In 4-Augen-Gesprächen hatten dann auch die Spieler die Möglichkeit, mit der Mentaltrainerin eventuelle eigene Defizite zu besprechen und von ihr Hilfestellungen für die kommenden Aufgaben an die Hand zu bekommen. Im Abschlussgespräch waren unabhängig voneinander durchweg alle Spieler der Meinung, dass das Einwirken einer ausgebildeten Fachkraft für den mentalen Bereich sehr viel zu der optimalen Vorbereitung beiträgt.


Abschließend kann ich meine am Anfang gestellte Frage mit der Überzeugung beantworten:

Ja, ich bin sicher, wir haben mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln alles erdenklich Wichtige an Vorbereitung unternommen – wir haben alle Register gezogen – wir haben unsere Hausaufgaben gemacht!

Natürlich bleiben immer noch Unsicherheitsfaktoren, die sicher niemand völlig ausschalten kann.

Natürlich geht man immer wieder sämtliche Eventualitäten durch, welche Entscheidungen richtig oder falsch gewesen sein mögen – trotzdem bin ich sicher, dass wir uns bestens vorbereitet und absolut motiviert der Herausforderung „Europameisterschaft“ stellen werden – alles Andere müssen wir einfach mal auf uns zukommen lassen und damit arbeiten!

Bernd Wormer

(Bundestrainer Jugend)

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