1. Europameisterschaft Herren

Licht und Schatten - großer Photobericht

Die erste Europameisterschaft der Herren ist gut über die Bühne gegangen. Die letzte Lücke im internationalen Veranstaltungskalender wurde damit geschlossnen. Jetzt gibt es durchgängig EMs und WMs für die Jugend, Espoirs, Damen und Herren – bei der WM im Unterschied zu EM offen für Triplettes. Noch ein Novum gab es in diesem Jahr, die Veranstaltung in Nizza war die erste Qualifikation für die nächste Weltmeisterschaft 2010.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass die CEP, die Confédération Européenne de Pétanque in diesem Jahr kräftig Zuwachs an neuen Mitgliedern bekommen hat. 35 Nationen mit 36 Mannschaften, Gastgeber Frankreich mit 2 Teams, gingen an den Start und kämpften um Sieg und Qualifikation. Geschafft haben es schließlich alle Teams, die in der Vorrunde Platz 1 und 2 erreichten und damit die Europameisterschaft Spielten. Alle anderen spielten die B-EM, wobei hier wiederum die beiden Gruppenersten sich ebenfalls für die WM qualifizierten. Da die nächste WM wieder im fernen Asien stattfinden wird, wurden auch gleich noch zwei Nachrücker und zwei Ersatzteams ausgespielt.

Hier die 25 Teams, die Europa bei der nächsten WM vertreten werden, zunächst die Direktqualifizierten: Armenien, Belgien, Estland, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Israel, Italien, Niederlande, Lithauen, Polen, Portugal, San Marino, Spanien, Türkei. In der EM B qualifizierten sich die beiden Gruppenersten, also Finnland, Luxemburg, Monaco, Schweden, Schweiz, Ungarn, Tschechien und Wales, und von den Drittplatzierten  England und Slovenien, Die beiden Nachrücker sind Österreich und Rußland.

Bevor es mit der Europameisterschaft los ging, gab es für mich noch eine Menge Arbeit als Exekutivmitglied im Präsidium der CEP. So gehört zu meinem Aufgabenbereich unter anderem die Beschaffung der Pokale und  die optische Präsentation der EM von der Eröffnung bis zur Schlußzeremonie. Deshalb konnte ich mich nicht bequem ins Flugzeug setzen, sondern musste mit dem Auto anreisen – vollbeladen mit Nationenschildern und den dazugehörigen hölzernen Taflträgern, Flaggen und Fahnenstangen, 36 Pokalen und jede Menge Medaillen, das komplette Auslosungssystem (3 Tafeln 90×90 cm und 36 Nationenschilder 28×15 cm und 40×6 cm und div. Kleinmaterial), die Trikots für die Sieger und den kompletten Unterlagen für meine Verbandsarbeit als Tresorier. Also startete ich um 4 Uhr früh in Ettenheim und nahm die etwas weitere Route über Frankreich, weil ich Bedenken hatte, mit diesem vollbeladenen Auto gut durch den Schweizer Zoll zu kommen. Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle und kurz nach 13 Uhr erreichte ich Nizza. Das Navi brachte mich auch perfekt zum Place Massena und den dort aufgebauten Tribünen. Nach halbstündiger ergebnisloser Parkplatzsuche und mehreren Handytelefonaten mit dem Veranstaler wurde es mir zu blöd und ich stellte mein Auto mit eingeschalteter Warnblinkanlage am Straßenrand unweit der Tribünen ab.

Place Massena im Herzen der Stadt, rechts das Gelände, auf dem die Plätze A-D und die Tribünen aufgebaut waren, links geht es zum Jardin Albert 1er mit den restlichen Plätzen

Zu Fuß erreichte ich das Gelände, fand den DUC-Präsidenten Muscat und der leitete mich durch die Fußgängerzone, auf den Straßenbahngleisen zu den Terrains, damit ich einen Teil meiner Fracht ausladen konnte. Der Rest musste ins Hotel Plaza, wo der Kongress stattfand. Auch dort natürlich kein Parkplatz, wieder Warnblinkanlage und alles ausladen. Nach Auskunft der Rezeption ist der ganze riesige Place Massena als Tiefgarage unterbaut. Was aber machen, wenn an allen 3 Eingängen die Ampel auf rot steht und in roter Leuchtschrift da „COMPLET“ steht. So ging es mir mit den beiden nächsten Parkhäusern im Umkreis von 1 km zum Veranstaltungsort. Am Ende fand ich einen Parkplatz mit Parkscheinautomat rund 6 km entfernt, bezahlte die restliche Zeit bis 18 Uhr und versuchte mit einem Taxi zurück ins Hotel und zur Sitzung zu kommen. 20 Minuten zu spät und reif für die Dusche – meine Kollegen von der CEP schon alle wartend im klimatisierten Saal. Gegen Mitternacht brachte ich dann mit Hilfe des Ausrichters mein Auto auf das Gelände von DUC de Nice, wo es für die nächsten Tage abgestellt blieb.

Pünktlich um 16 Uhr konnte der Internationalen Kongress beginnen. Tagesordnungspunk 4 beinhaltete alles, was ein Tresorier in jedem Verband zu tun hat: vom Bericht über die Finanzen des abgelaufenen Jahres, Bericht der Kassenprüfer und deren Neuwahl bis zur Erstellung und Präsentation des neuen Etats. Ihm vorangegangen war eine Sitzung des Präsidiums. Im letzten Jahr hatte ich eine neue Mitgliedsbeitragsstruktur vorgestellt, weil durch das Hinzukommen immer neuer EMs die finanzielle Basis des Verbandes nicht mehr stimmte. Nach lebhaften Diskussionen wurde ein spezieller Mitgliedsbeitrag für 2009 beschlossen mit der Maßgabe, für die Beiträge ab 2010 einen neuen Vorschlag auszuarbeiten. Dieser Vorschlag wurde angenommen, so dass der Verband in Zukunft besser wirtschaften kann und dass zumindest ein Teil der Kosten des Exekutivkomitees direkt von der CEP übernommen werden können.

Offizieller Vertreter, da ich meine CEP-Präsidiumsaufgaben wahrnehmen mußte, war für den DPV Vize Lutz-Rüdiger Busse

Natürlich werden bei dieser Versammlung auch die eingegangenen Anträge der Mitglieder diskutiert, die nächsten Termine und die Ausrichter der nächsten EM vorgestellt.

Die nächste EM der Frauen wird in Slovenien stattfinden und Präsident Ljubo Zivkovic präsentierte sein Land, seinen Verband und gab einen kleinen Vorgeschmack auf die nächste EM.

Dann endlich der Augenblick, auf den alle sehnsüchtig gewartet haben: die Auslosung. In die acht Gruppen losten wir zunächst die besten 8 Teams der letzten WM in Dakar: Frankreich 1, Belgien, Frankreich 2 , Armenien, Luxemburg, Monaco, Italien und Schweiz. Dann alle anderen. Lutz-Rüdiger Busse, unser Delegierter beim Kongress, zog Deutschland in eine der Vierergruppen, gemeinsam mit Monaco (gesetzt) und Polen und Wales. In meinen Augen war dies eine hervorragende Ausgangsbasis, da alle Begegnungen schon vorgeplant waren.

Bei einem Gruppensieg, von dem ich sicher war, war die Poulerunde auch nicht so schwer wie beim Erreichen des zweiten Platzes. Solche Hochrechnungen kann man machen, aber schon am nächsten Tag wurde ich von der Realität eingeholt.

Die deutsche Delegation mit Daniel Reichert Machmut Tufan, Jan Garner, Martin Kuball, Dr. Klaus-Diter Wiebusch, Bundestrainer Daniel Voisin

Nach der Auslosung fand im Carré d’Honneur die Präsentation der Teams statt. Allemagne durfte als erstes Team einmarschieren, präsentiert von Marc Alexandre.

Ein buntes Bild, 35 Nationen mit ihren Fahnen und Schildern aufgestellt  im weiten Rund.

Extra für diese EM hat ein einheimischer Künstler eine Statue geschaffen, die als Wanderpokal die EM Herren begleiten wird. Sie zeigt den frnzösischen Schauspieler Yves Montand, der ein leidenschaftlicher Boulespieler war.

Am Abend stand noch das Finale des Masters de Pétanque auf dem Programm: Team Quintais gegen Thailand. Ein interessantes Spiel, obwohl es nach 7 Aufnahmen erst 3:0 stand, weil laufend die Sau ins Aus geschossen wurde. Quitais, Suchaud und Lacroix gewannen verdient, vor allem deshalb weil die Thailänder zu defensiv spielten. Auch unsere Spieler ließen sich das Spiel nicht entgehen – war eine tolle Einstimmung für die kommenden tage. Was mich zusätzlich begeisterte war die mitlaufende Uhr und das Agieren der beiden Schiedsrichter, wenn sie gebraucht wurden. In diesem Spiel war auch Dynamik zu spüren, die ich in den nächsten beiden Tagen oft vermisste.

Meine Frau freute sich natürlich sehr, ihre Landsleute und alten Bekannten wie Phusa-Ad und die thailändische Masters-Delegation zu treffen.

Dann endlich konnte es losgehen. Zunächst um 9 Uhr früh mit der Vorrunde im Schießen. Dass es tatsächlich erst 9:45 los ging lag daran, dass der Veranstalter vergessen hatte, dass man zum Schießwettbewerb auch Kugeln braucht. Direkt qualifizierten sich Claude Weibel (48 P.), aus Italien Farizio Bottero (46 P.), Veiko Proos aus Estland (41 P.) und Mehrfachweltmeister Philippe Quintais mit ebenfalls 41 Punkten. Unser Tireur Daniel Reichert legte in der Vorrunde 31 Punkte vor und kam somit in die sogenannte Repechage. Hier wurden aus den 12 Spielern von Platz 5 bis 17 die restlichen 4 für das Viertelfinale ausgewählt. Mit 20 Punkten reichte es allerdings nicht für ein Weiterkommen.

Unter den Zuschauern auch Vizepräsident Lutz-Rüdiger Busse, der auf eigene Kosten angereist war aber trotzdem alle zu Hause mit Informationen versorgte. Im Vergleich zu den Zuschauern z.B. aus Dänemark, Schweden und Holland musste er sich allerdings recht einsam vorkommen.

Meist auf einem Stuhl im Schatten verfolgte der langjährige Präsident des Weltverbandes Henri Bernard fast alle Spiele. Er wohnt hier und das herrliche Boulodrome in Nice wurde nach ihm benannt.

Um 14 Uhr dann endlich Turnierbeginn. Vier Terrains waren im Carrée d’honneur, die restlichen Spielfelder waren im angrenzenden Park Jardin Albert 1er aufgebaut.

Viele interessierte Zuschauer verfolgten die Spiele. Deutschland spielte im Park Jardin Albert  1er und hatte das erste Spiel gegen Monaco, das in der Gruppe G gesetzt war – auf dem Papier also der schwerste Gegner. Als ich das erste Mal einen Blick auf unser Spiel werfen konnte, stand es bereits 7:0. Ich war beruhigt. Allerdings störten die nächsten beiden Aufnahmen diese Ruhe und außerdem musste ich wieder zurück an den Kontrolltisch.

Je länger ich auf die Ergebnismeldung warten musste, um so unruhiger wurde ich. Endlich die erlösende Nachricht von Klaus-Dieter Wiebusch. Jetzt durfte dem Gruppensieg eigentlich nichts mehr im Wege stehen.

Dass es anders kam ist bekannt, eine Niederlage gegen Polen machte diese zum Gruppensieger vor Deutschland, Monaco und Wales. Statt Dänemark, San Marino und Estland hießen unsere Gegner jetzt Belgien, Italien und Niederlande. Nach der 13:5 Niederlage gegen Belgien folgte ein Sieg in gleicher Höhe gegen Niederlande. Belgien unterlag im Spiel der Sieger Italien 12:13.

 

Barragespiele

Alle vier Barragespiele wurden vor den Tribünen gespielt und Deutschland kam also nochmals gegen Belgien – 1:13 – aus. Die Minen von Bundestrainer Daniel Voisin und Klaus-Dieter Wiebusch sagen mehr als viele Worte.

Das Abschlussbankett, mit dem solche Veranstaltungen normalerweise beendet werden, fand diesmal bereits am Freitagabend statt, weil am Sonntagabend das Finale wegen der Fernsehübertragung erst um 21 Uhr stattfand. Bei dieser Veranstaltung werden neben vielen wichtigen und unwichtigen Gesprächen vor allem Kontakte geknüpft, Einladungen ausgesprochen, Freundschaften gepflegt. Deshalb war ich schon enttäuscht, dass die deutsche Delegation mit dreifacher Abwesenheit glänzte.

Seit vier Jahren habe ich bei allen Europameisterschaften die Turnierleitung gemacht. Bei max. 24 Teams ging das immer recht gut und ohne zu viel Stress. Diesmal hatten wir 50 Prozent mehr Teilnehmer, es musste also alles anders organisiert und neu vorbereitet werden, angefangen von den Tableaus bis zu den den Papieren für die Ergebnismeldungen. Unterstützt wurde ich deshalb in diesem Jahr von dem englischen Präsidenten Mike Pegg, CEP-Vize und internationaler Schiedsrichter. Vom Ausrichter DUC war niemand da und ich war froh, dass ich meinen Turnierleitungskoffer, der schon x deutsche Meisterschaften hinter sich hat, mit allen Utensilien mitgenommen habe. In weiser Voraussicht hatte ich auch schon Exeldateien für die Gruppen-Vorrunden von Andreas Wiebusch (nochmals Danke) erstellen lassen.

Im Vergleich zu den Vortagen war der Sonntag fast angenehm. Alle Gruppen oder Poules waren beendet, dank KO-System wurde der Teinehmerkreis von Rund zu Runde halbiert.

Bei allen internationalen Events gehört es einfach dazu, die Teams stilvoll zu präsentieren. Hier die Halbfinalisten Dänemark und Spanien und die beiden französischen Teams. Da gab es doch einige Aufregungen, weil die Franzosen schon im Halbfinale aufeinander trafen. Das war vorhersehbar und deshalb auch schon im Vorfeld von der technischen Kommission der CEP beschlossen. Die Franzosen weigerten sich deshalb, vor den Fernsehkameras zu spielen und so wurde Dänemark gegen Spanien aufgezeichnet. In einem denkbar kurzen Spiel besiegten Philippe Suchaud, Thierry Grandet, Henri Lacroix  und Bruno Leboursicaud Frankreich 1 mit Philippe Quintais, Stéphane Robineau, Christophe Sarrio und Michel Loy 13:5.

Im Skandinavien-Finale B bezwang Schweden Finnland mit 14:4, zuvor hatten sie Luxemburg und Tschechien auf die Plätze 3 verwiesen. Das Foto zeigt die Finalisten mit ihren Pokalen bei der Siegerehrung.

Im Anschluss daran war die Siegerehrung der Tireure. Seit Jahren sind international zwei Tireure immer vorne mit dabei und sie standen sich schon oft genug im Finale gegenüber: Philippe Quintais, bereits viermal Weltmeister, und sein belgischer Kontrahent Claude Weibel, der diesmal siegte und somit der erste Europameister ist. Auf den dritten Plätzen finden wir Didier Senezergues aus der Schweiz und Rickard Nilsson aus Schweden.

Vor dem Finale gab es eine längere Pause, in der ich endlich einmal Zeit fand, mit den Sportverantwortlichen zu reden. Schließlich geht es nach der EM weiter. Die nächsten Großereignisse sind die Weltmeisterschaften der Jugend in Tunesien und der Frauen in Thailand.

Dann endlich um 21 Uhr das Finale: Frankreich 2 gegen Spanien. Die Spanier überraschten mit einem ganz neuen Team und neuem Coach und eröffneten die erste Aufnahme gleich furios. Erst in der 5. Aufnahme beim Stand von 5:0 für Spanien machten die Franzosen die ersten Punkte. In der 8. Aufnahme das 7:7 und Frankreich immer stärker. Nochmals ein Punkt zum 10:8 in der vorletzten und 11. Aufnahme, dann 5 für Frankreich und tosender Applaus im bis dahin relativ ruhigen Finalrund.

Die Franzosen dürfen Ihre Europameister-Shirts überstreifen zur Entgegennahme der Preise und zum Abspielen der Nationalhymne.

Wer Gklück hatte, wie hier Mahmut, konnte eines der heiß begehrten französischen Trikots ergattern. Während andere feierten, durfte ich erst mal wieder mein Auto vom Parkplatz zum Place Massena holen und beladen.

Die erste EM Herren ist zu Ende, ein neunter Platz für Deutschland ist nicht berauschend aber Realität. Es gibt nach wie vor die großen 4: Frankreich, Spanien, Belgien und Italien. Dann kommt die zweite Gruppe mit Teams wie Schweiz, Dänemark, Armenien, Schweden, Monaco Finland und Luxemburg, zu der auch wir gehören, die zwar immer etwas näher an das Spitzenquartett heranrückt, aber von Einholen kann noch keine Rede sein. Wer die Nase vorne hat entscheidet oft genug die Tagesform oder die Auslosung und selbstverständlich auch der Teamgeist.

Ein letztes Bild von Nizza, das zeigt, dass sich nicht alle Welt nur für Pétanque interessiert. Ich habe die Heimfahrt durch Italien und die Schweiz genossen und dem leidigen Tunnelstau die Passstraße über den St. Gotthard vorgezogen. Über mir nur noch die Flugzeuge, in denen die EM-Teilnehmer wieder ihre Heimreise antraten.

Fotos: Sukjai Eschbach

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