Die Premiere des DPV-Länderpokals 55+ ist Geschichte – und mit ihm in die entsprechenden Bücher wandert der Landesfachverband Pétanque Nord, dessen Teams hier den allerersten Titel erkämpfen konnten. Es war nicht unumstritten, einen Wettbewerb für „die Alten“, wie sie an mancher Stelle despektierlich genannt wurden, losgelöst vom traditionellen Länderpokal durchzuführen. Im Rückblick war die Entscheidung dafür goldrichtig, dieses Turnier ist eine echte Bereicherung im sportlichen Jahr des DPV.

Was steckt dahinter, dass die Teilnehmer/innen dieses Wettkampf-Wochenende als besonders „erfrischend“, „spannend“ und „unterhaltsam“ beschreiben? Eine erste Einschätzung: weil man „unter sich“ war. Es treffen nun einmal soziale (im Sinne davon, wie wir sozialisiert werden) Welten aufeinander, wenn Menschen, die jünger als 30 Jahre sind auf Menschen treffen, die älter als 50 Jahre sind.

Erstgenannte können mit Begriffen wie „Uriah Heep“ oder „Bandsalat“ nichts anfangen, genauso sprengt es ihre Vorstellungskraft, dass man sich beeilen muss, weil um 18.30 Uhr die Geschäfte schließen. Letztgenannte denken bei „Bass Sultan Hengzt“ an Pferdezucht, verstehen nicht, warum sich jemand für ein Foto von ihrem Mittagessen interessieren sollte und erinnern sich beim Begriff „vorglühen“ vor allen Dingen an den alten Diesel, den sie mal in den 80ern gefahren haben.

Ehrung auch für die Top-Leistung der Schiedsrichter

Man war hier „unter sich“. Anders als bei Deutschen Meisterschaften oder dem traditionellen Länderpokal (an dem ja auch die Generation 55+ bis ins hohe Alter teilnehmen darf), läuft man keinen Slalom zwischen überwiegend eher Fremden, bis man mal auf alte Bekannte trifft. Hier laufen fast ausschließlich „alte Bekannte“ herum. Es ist wie ein Klassentreffen. Und es wäre sicher abendfüllend, darüber zu sprechen, wie viele „alte Rechnungen“ hier hätten beglichen werden können – vielleicht auch beglichen wurden. Die „Fanny“ aus den 90ern, die knappe Niederlage, weil es in Groß-Gerau 1987 plötzlich anfing Hunde und Katzen zu regnen. Doch: sie waren auch spannend, die endlose Monologe in geselligen, übersichtlicheren Runden, nach den Wettbewerben. Kleinste Details über einzelne Aufnahmen à la „…wir hatten dann zwar erstmal vier am Boden, aber Francesco hatte noch zwei und Ronny musste damals mit seiner Letzten…“. Und wirklich nein: niemandem wurde dabei langweilig.

Top-Leistung bei der Verpflegung – Ehrung der Chefin.

Aber es war auch keine „Kaffee-Fahrt für lahmende „Ex-Carreau-Garanten“. Im Gegenteil. Unter sportlichen Aspekten, sowohl, was die technischen Fähigkeiten angeht aber insbesondere auch das taktische Kalkül, stand dieser Länderpokal den anderen nationalen Wettbewerben in nichts nach. Legendär eine Aufnahme des Teams 55+ aus dem Saarland: Rosario Italia, Jaques Wolf, Sylvain Haritonidis und Uwe Pitz, die sich mit einem lupenreinen „Royal“ aus einem Rückstand gegen BaWü rausballerten. Sechs krachende Carreaux auf die jeweils gelegten Kugeln der Gegner. Am Ende war es keine Überraschung, dass diese Mannschaft mit 8:1 Siegen (lediglich gegen NRW wurde das Spiel verloren) sich die Medaille als bestes Team dieser Kategorie bei der Siegerehrung am Sonntag-Nachmittag umhängen lassen durfte.

Bestes Team in der Kategorie 55+: Saarland

Besonders beeindruckend für außenstehende Betrachter: die Metamorphose der Damen-Teams. Natürlich kennt man sich hier auch, natürlich hat frau sich viel zu erzählen und es wird viel gelacht, aber… Spätestens mit dem ersten Wurf der Zielkugel im Wettkampf gegeneinander ist „Schluss mit Lustig“. Das waren eine ganze Menge beeindruckender Partien, in denen hochkonzentriert, den Herren in Technik und Taktik in Nichts nachstehend, Punkt für Punkt erkämpft wurde. Da hatten dann die drei Damen des einen Teams mit den Dreien des anderen Teams nichts mehr am Hut. Erst mit dem Handschlag nach Sieg oder Niederlage löste sich für die einen die Anspannung etwas schneller, für die anderen etwas langsamer. Und dann konnte man auch wieder zusammensitzen und hatte eine brandneue Partie, die es zu diskutieren galt.

Bestes Damen-Team: Bayern

Ein letzter Punkt, der im Zusammenhang mit dem DPV-Länderpokal 55+ auffällig ist: man begegnet sich mit viel mehr Respekt als auf anderen Veranstaltungen. Treffen bei Deutschen Meisterschaften die „Cracks“ auf ein Team, das vielleicht zum ersten Mal die Qualifikation geschafft hat, werden die weggebügelt und man trollt sich. Hier, in diesem Wettkampf, war es insbesondere das Team 65+ des Landesverbandes Ost, das zum allerersten Mal überhaupt an einem großen Turnier teilgenommen hat. 1:8 in Spielen hieß es am Ende für diese Mannschaft. War das nicht frustrierend? „Nein!“, lautete die Antwort. Im Gegenteil, es waren nach deren Aussage die tollsten zwei Tage, die die Herren in ihrer jungen Pétanque-Karriere erlebt haben. So viele tolle Gegner, so viele gute Tipps, so spannende Gespräche und Geschichten – es war ein Ausflug in die höchsten sportlichen Sphären des organisierten Wettkampfs im DPV.

Bestes Team in der Kategorie 65+: Nord

Für alle Anwesenden war es ein Gang durch die lebendigen Archive des Deutschen Pétanque-Sports. Rund 100 aktive Teilnehmer/innen, die über 2000 Jahre Erfahrung und Erinnerung des DPV repräsentieren. Es war das aufgeschlagene Geschichtsbuch des Nationalverbandes – und der vorläufig letzte Eintrag dort lautet: „2019: Team Nord wird Sieger des 1. DPV-Länderpokals 55+“!

Die Pokal-Übergabe im Video:

Platz 3 in der Gesamtwertung: Bayern

Platz 2 in der Gesamtwertung: Hessen

So sehen Sieger aus! 1. Platz beim 1. DPV-Länderpokal 55+: Team Nord